Angesichts der dramatischen Zunahme der HIV-Neuinfektionen unter homo- und bisexuellen Männern in Deutschland, forderten die Wiesbadener Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler und der Bundesvorsitzende der Lesben- und Schwulen in der Union (LSU) Roland Heintze heute ein schärferes Vorgehen gegen die so genannte "Barebacking"-Szene.

Das Robert-Koch-Institut hatte in seinem aktuellen Bulletin zum Thema HIV/AIDS eine "neue Wachstumsphase" der Epidemie festgestellt. Diese sei vor allem bedingt durch den "steigenden Anteil von Personen mit einer hohen Frequenz ungeschützter Sexualkontakte mit einer höheren Zahl von Partnern in einer effizienteren und selektiveren Partnersuche im Internet" [1]. Gefördert wird dieser ungeschützte Geschlechtsverkehr durch die so genannte "Barebacking"-Szene, die dieses "Reiten ohne Sattel" in verschiedenen Sexclubs auslebt und in Internetforen oder über pornographische Videos anpreist.

"Natürlich ist und bleibt Sex Privatsache", so Köhler. "Aber hier geht es nicht um irgendwelche Praktiken. Hier geht es darum, dass das HIV-Virus vorsätzlich oder zumindest fahrlässig verbreitet wird." Dies führe nicht nur zu einer neuen und unkontrollierbaren Wachstumsphase der Epidemie, sondern auch zu einer unfairen Belastung der Gesundheitssysteme. Heintze und Köhler stellten deshalb klar: "Das Verhalten der Barebacking-Szene konterkariert den Kampf gegen das Virus auf Kosten derjenigen, die unsere Hilfe brauchen, weil sie sich mit Aids infiziert haben." Insofern könne sie die Argumentation, die etwa der Geschäftsführer der Deutschen Aids-Hilfe, Dirk Meyer, hierzu vertritt, nicht nachvollziehen. Dieser hatte sich gegenüber dem Nachrichtenmagazin Report-Mainz angesichts der steigenden Infektionszahlen durch die Barebacking-Szene beinahe verständnisvoll gezeigt. "Aus der Erfahrung in Deutschland auch mit der Verfolgung von schwulen Männern im Dritten Reich und danach noch" wisse man, so Meyer, "dass an der Stelle hilfreicher ist und auch richtiger ist, auf Einsicht und Verstand sich zu orientieren und nicht auf gesetzliche Regelung."

"Jenseits des völlig verfehlten Vergleiches mit dem 3. Reich", so Heintze und Köhler, "ist doch eines klar: Es mangelt der Barebacking-Szene weniger an Aufklärung als an Einsicht." Deshalb forderte Kristina Köhler, dass "notfalls auch gesetzliche Schritte geprüft werden müssen". Dies sei in anderen europäischen Ländern, so zum Beispiel in Österreich oder in der Schweiz, bereits geschehen. In Österreich etwa stelle der § 178 des Strafgesetzbuches die vorsätzliche Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten unter Strafe.

"Wir können es nicht zulassen, dass noch länger auf diese dramatische Weise russisches Roulette mit der AIDS-Gefahr gespielt wird", so Köhler und Heintze. "Denn eines gilt leider bis zum heutigen Tag: In den meisten Fällen gewinnt das Virus."

[1] Robert Koch Institut: Epidemiologisches Bulletin, Nr. 47, S. 442f.

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