Wiesbaden 
Das Parlamentarische Patenschafts-Programm - Jens Dilger
Kristina Schröder betreute im Rahmen des Parlamentarischen Patenschafts-Programms im Zeitraum von August 2004 bis Juni 2005 Jens Dilger aus Wiesbaden, der kurz zuvor seine Ausbildung zum Fachinformatiker im Hessischen Sozialministerium abgeschlossen hatte.
Das Leben auf der Straße (I)
Ein Amerikaner ohne Auto lebt entweder in New York oder nicht mehr. Naja, ein paar Ausnahmen gibt’s vielleicht, aber ohne Auto ist man fast überall - milde gesagt - aufgeschmissen: Ich muss erst einmal 10 Minuten zur nächsten Einkaufsmöglichkeit fahren und 30 Minuten zum College. Meine neuen Freunde wohnen zwischen 15 und 45 Minuten Autofahrt von mir entfernt.
Amerika ist wirklich sehr autofreundlich: Der Liter bleifreies Benzin kostet hier umgerechnet gerade einmal 55 Cent, weiterhin gibt es hier überall massenhaft Parkplätze. So waren z. B. die Parkhäuser der Kirchen, die ich bis jetzt besucht habe, meistens genauso groß, wie die Kirche selbst. In einer anderen Kirche für rund 8000 Personen gab es kein Parkhaus, sondern nur offene Parkplätze um die Kirche herum. Hier fuhren tatsächlich Pendelbusse, die die Besucher von den Parkplätzen zur Kirche und zurück fuhren.
Und warum soll man auch weit laufen oder überhaupt aussteigen? Schließlich gibt es den Drive-In in fast jedem Fastfood-Restaurant, den Drive-In bei den Banken für den Bankautomaten und Scheckeinzahlungen. Fürs Tanken muss man dank Kreditkartenzahlung nicht enmal mehr weiter als zur Zapfsäule laufen. (Habe ich wirklich laufen geschrieben??) Zumindest einige der klassischen Motels bieten den Parkplatz direkt im… - nein, natürlich noch - vor dem Zimmer.
Und ich kann Ihnen versichern. Das wird bestimmt nicht der einzige Beitrag rund um die amerikanischen Autos sein.
PS.: Das Foto zeigt übrigens meinen „Schlitten“. Auch wenn er schon 10 Jahre rollt, hat er natürlich Automatikschaltung, Klimaanlage und Tempomat und verbraucht ca. 12 l Benzin pro 100km (So viel zum Thema Umweltschutz, aber das ist dann doch noch ein Thema für sich.)
USA im Wahlfieber
Passend zu dieser Seite muss hier ja auch mal ein politischer Beitrag erscheinen.
Anlass dafür sind natürlich die anstehenden Wahlen. Immerhin hatte ich ja das Glück im Superwahljahr hierher zu kommen. Und „Super“ ist da fast schon untertrieben. Die diesjährige Präsidentenwahl ist etwas ganz besonderes.
Viele Stimmen hier sagen, dass die Gemüter selten zuvor sooo gespalten waren. Wer „Fahrenheit 9/11“ gesehen weiß, wie sehr die Kerry-Anhänger hier „Anti-Bush“ sind. Auf der anderen Seite erscheint dann aber die Antwort „Fahrenhype 9/11“ der bis aufs Blut treuen Bush-Anhänger (hab’ ich leider noch nicht gesehen). Was soll ich da sagen: Die Tendenz in meinem deutschen Umfeld war immer eindeutig gegen Bush. Aber hier begegne ich Freunden, die ich schätze, und die nicht gerade zur politisch uninformierten Sorte Mensch gehören. Diese Freunde sind für Bush.

Wem kann man da heute noch trauen? Den Freunden? Der Presse? Den Medien?
Es wird einem wirklich nicht leicht gemacht. Irgendwie bin ich da schon beinahe froh, hier nicht wählen zu dürfen.
Mein Host-Bruder (Bush-Fan) will zum Leid seiner Mutter (Bush-Gegner) zum Militär und auch in den Irak. So etwas macht die ganze Sache dann doch persönlich greifbar.
Und wen es verwundert, warum ich hier so offen von Bush- bzw. Kerry-Fans rede: hier in den USA ist es eben kein Geheimnis, wen man wählt. Auf vielen Autos und in vielen Vorgärten sieht man Aufkleber oder Schilder, so dass man genau weiß, wen die jeweilige Person wählt. Und wenn man fragt, bekommt man in aller Regel auch ziemlich eindeutige Antworten.
Anhand der anstehenden Wahlen kann man aber fast nur noch sagen: „God help America“! Nötig haben die Amerikaner es auf jeden Fall.
Election Day
Natürlich muss ich von diesem ganz besonderen Tag hier in den USA berichten - es war auf jeden Fall ein Erlebnis, das miterleben zu dürfen.
Teilweise bin ich froh, dass ich nicht wählen musste. Einige der Wähler durften doch tatsächlich länger als 3 Stunden warten, bis sie wählen konnten. „Problem“ war die unerwartet hohe Wahlbeteiligung. Leider habe ich keine genauen Zahlen, aber es wird kaum über 60% gewesen sein (was für mich in Deutschland immer extrem wenig war). Dadurch wurde der Wahlabend dann auch wirklich lang. Die Wahllokale schlossen überall um 19 Uhr. Um 22 Uhr waren dann auch die Staaten an der Westküste geschlossen. Erst nach 24 Uhr wurden die Zahlen der wirklich kritischen Staaten wie Florida und Ohio bekannt gegeben. Und selbst nach 2 Uhr morgens waren die Ergebnisse noch inoffiziell.
Es war teilweise wirklich spannend. Besonders Ohio, was letztendlich ausschlaggebend war, stand lange Zeit „auf der Kippe“.
Und natürlich habe ich diese absolute Rekordwahl live im Fernsehen verfolgt. Rekord in jeder Hinsicht. Einige sagen, dass es die spannendste, teuerste und wichtigste Wahl überhaupt war. Das will `was heißen im Land der Superlativen. Rekord auch in Hinsicht auf Werbespots. In jeder freien oder nicht freien Minute wurden 2-3 Werbespots gezeigt. Das ist aber scheinbar typisch amerikanisch. Ich schaue ja nicht sehr viel Fernsehen hier, aber wenn ich dann mal 30 Minuten ein Baseballspiel anschaue, kann ich sichergehen, dass ich mindestens 10 Unterbrechungen mit mindestens 10 Minuten Werbung aufgedrückt bekomme.
Das erinnert mich doch daran, dass ich noch schauen muss, was der neue F250 FX Super-Mega-Duty-Truck in Deutschland kostet, den ich zwischen den Wahlergebnissen von New Hampshire und Nevada gesehen habe….
Feiertage in den Staaten
Andere Länder, andere Sitten. Genau das gilt auch für Feiertage. Und hier in den USA habe ich inzwischen schon einige mehr oder weniger besondere Feiertage hinter mir. Was mich hier aber ganz besonders erstaunt hat, ist die Tatsache, dass wir am 3. Oktober, dem Tag der DEUTSCHEN Einheit, auch in den USA frei hatten. Ich war davon ausgegangen, dass man an diesem Tag nur in Deutschland frei hat.
Hinter mir habe ich inzwischen schon einige der 10 Feiertage.
Z. B. den „Labor Day“ (erster Montag im September). Hier versucht man natürlich, wie am 1. Mai in Deutschland, möglichst nichts zu tun, was auch den meisten gelingt.
Dann war da noch der „Columbus Day“ (zweiter Montag im Oktober) and „Veterans Day“ (11. November), die mir eigentlich nur aufgefallen sind, da an diesen Tagen keine Post kam.
Als etwas inoffizieller Feiertag folgt dann „Halloween“ Ende Oktober. Das ist hier wirklich ein Megafeiertag. Nicht nur die Kinder feiern das, indem sie in Gruppen von Haus zu Haus gehen, um die Grundlage für reiche Zahnärzte zu bilden, nein, sogar viele Erwachsene gehen verkleidet auf irgendeine Halloween-Party. So wie ich das schreibe, merkt man schon, dass ich da nicht dabei war. Ich bin eher ein Halloween-Gegner und habe nicht einmal einen Kürbis ausgestochen. Das Bild zeigt mich mit meinem Freund Matthias, ebenfalls einem Austauschstudenten aus Deutschland, vor einem „Pumpkintree“ (Kürbisbaum) - hier gibt es eben nicht nur den Weihnachsbaum… Der Pumpkintree stand auf einer Art Jahrmarkt im Stonemountainpark, einem Naturwunder hier. Da steht einfach so ein 200 Meter hoher, ca. 1-2 km breiter Granitstein in der ewig flachen Landschaft. Beinahe wie der Ayers-Rock.
Nachdem der Halloween-„Schmuck“ dann abgesetzt ist, wird der Thanksgiving-Schmuck herausgekramt. Thanksgiving (vierter Donnerstag im November) ist bestimmt einer der größten amerikanischen Feiertage. Kurz gesagt, alle Welt fliegt oder fährt nach Hause und versucht dann, so viel wie möglich zu essen. Natürlich darf bei diesem Essen kein Truthahn und auch kein Pumpkinpie fehlen.
Wir sind mit der ganzen (Host-)Familie nach Boston geflogen, um dort bei meinen (Host-)Schwestern zu feiern. War auf jeden Fall ein Erlebnis.
Tja, und am Tag nach Thanksgiving merkt man schon, dass es „weihnachtet“, denn der Freitag, der Tag nach Thanksgiving, ist wahrscheinlich der größte Einkaufstag überhaupt. Überall gibt es Rabatte und der Run auf die Geschenke beginnt.
Tja, und Weihnachten (Sie wissen schon wann…) steht seitdem vor der Tür. Unser Weihnachtsbaum kommt bald und der wird dann auch, wie bei vielen amerikanischen Familien, mit den über Jahren gesammelten Weihnachtsornamenten jeglicher Art, Herkunft und Größe begehängt, bis kein Grün mehr zu sehen ist. In einer anderen Familie durfte ich schon beim Schmücken mithelfen.
Jetzt habe ich also noch sechs Feiertage vor mir. Abgesehen von Weihnachten und Neujahr bin ich besonders auf den Unabhängigkeitstag gespannt. Aber das ist ja erst am 4.Juli.
Ach und übrigens: der 3.Oktober war ein Sonntag .
Das Leben auf der Straße (II)
Wie versprochen geht’s noch mal rund um’s Auto. Es ist einfach ein zu wichtiger Bestandteil dieser Gesellschaft hier.
Fangen wir einmal bei den Autos selber an. Was hier besonders auffällt sind die extrem vielen Pick-Up-Trucks und sonstigen Großautos. Natürlich kommt da schnell die Frage auf, wer braucht denn solche Kolosse? Naja, ganz einfach: Amerikaner lieben es einfach „Super Large“. Generell reichen hier die Größenangaben von „normal“ über „groß“ bis „SuperMega“. „Klein“ gibt’s hier eigentlich nicht.
Zuletzt habe ich gehört, dass versucht wurde, ein Gesetz einzuführen, das Besitzern dieser Kolosse auf 4 (oft auch auf 6) Rädern Steuervorteile bringen sollte, weil (und jetzt schnallen Sie sich an) die „armen Autobesitzer“ ja schon so viel für Benzin für Ihre Mega-Sprit-Schlucker zahlen müssten!!!! Glücklicherweise kam das Gesetz dann doch nicht durch. Umwelt wird hier doch eher klein geschrieben.
Kommen wir zu weiteren Regeln:
Hier sind drei, die ich wirklich liebe: Zum einen darf man hier rechts überholen. Das ist auch dringend nötig, gerade wenn man wieder einmal auf einer fünfspurigen Autobahn fährt. Kein schlechtes Gewissen mehr und viel relaxteres Fahren sind die Folge.
Zweite Regel: Autos brauchen nur hinten ein Nummernschild. Das wiederum hat zur Folge, dass es praktisch unmöglich ist, einen hier zu blitzen. Die einzige Möglichkeit der Gesetzeshüter ist es, Autofahrer auf der Autobahn zu verfolgen und anzuhalten. Und dabei dürfen sie nicht mal Zivilfahrzeuge verwenden. Die Wahrscheinlichkeit, ein Ticket zu bekommen ist also extrem gering. Die Folge ist, dass wenn man nicht 10-20 Meilen pro Stunde (entsprechend 15-30 km pro Stunde) zu schnell fährt, man gnadenlos von jedem Laster überholt wird (die fahren hier tatsächlich im Schnitt 110 Km/h).
Und last but not least die dritte Regel: Rechts abbiegen ist immer gestattet auch an roten Ampeln (natürlich muss man Vorfahrt gewähren). Das fand ich von Anfang an mit das Beste.
Zuletzt noch ein paar Worte zu den Benzinpreisen: Die mögen hier zwar 50% niedriger sein als in Deutschland, aber die amerikanischen Autos verbrauchen durchschnittlich viel mehr Sprit und man fährt hier viel mehr Auto. Man spart also nicht wirklich, sondern verbrennt nur mehr.
Halbzeit-Bilanz
Heute werd ich einmal etwas mehr von meiner derzeitigen Situation berichten.
Immerhin ist jetzt schon die Hälfte meiner Zeit hier abgelaufen.
Das letzte Jahr war hauptsächlich geprägt vom Lernen: Nicht nur auf dem College, sondern auch Freunde kennen zu lernen, den Weg im Atlanta-Straßendschungel nach Hause, mit Scheck zu zahlen, die Sprache zu verbessern, andere Sichtweisen und Geschmäcker kennen zu lernen (wussten Sie, dass manche hier Sellerie wie Chips knabbern!? uhäää) und natürlich auch andere Traditionen zu erleben.

So sind z. B. die Weihnachtstraditionen hier ein bisschen anders als in Deutschland: Zum Beispiel wird der Weihnachtsbaum hier mit Ornamenten geschmückt, die man über viele Jahre hindurch angesammelt hat. Man kauft sie sich, bekommt sie geschenkt und vor allem bastelt man sie selbst. Eigentlich recht schön, so die Erinnerungen an die letzten Jahre mitzunehmen. Ansonsten war Weihnachten das Fest der Familie, wie man auf dem Foto sieht (nein, ich (ganz links) bin nicht wirklich ein Vampir).
Die Neujahrstradition war nicht besonders anders als bei uns bis auf das Feuerwerk. Die sind hier nämlich in den meisten Staaten illegal und deshalb bei weitem nicht so verbreitet wie in Deutschland. Das habe ich schon irgendwie vermisst. Aber ich habe mir sagen lassen, dass es am 4. Juli dafür umso mehr Feuerwerk geben wird, worauf ich mich natürlich schon freue.
Was ich vor allem die letzten Wochen lernen musste war zu warten und auf Gott zu vertrauen. Eigentlich hätte ich Anfang Januar anfangen sollen zu arbeiten. Nur hatte ich bis dahin keinen Job. Das hat sich jetzt letzte Woche zum Glück geändert. Ich werde nächste Woche endlich in meinem neuen Job anfangen. Leider ist es noch zu früh, Näheres dazu zu sagen, außer dass es in Richtung IT-Verkauf geht. Werde dann bald mehr davon berichten.
Ja, wenn ich sage, dass hinter mir eine Zeit des Lernens liegt, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Vor mir liegt nämlich auch eine Zeit des Lernens. Natürlich weiter Englisch lernen (nein, ich bin noch nicht perfekt, sondern lerne immer noch jeden Tag neue Wörter), aber dann werde ich natürlich auch viel vom amerikanischen Arbeitsmarkt lernen.
Ich freue mich auf jeden Fall schon richtig auf das nächste und letzte halbe Jahr hier in den USA.
Der Rest der USA
Wenn man die meiste Zeit an einem Fleck hockt, ist es manchmal schwierig über den berühmten Tellerrand zu schauen. Den Großteil meines letzten Jahres habe ich ja in und um Atlanta, Georgia, verbracht. Da muss man sich ja schon die Frage stellen: Sieht ganz USA so aus?
Dank meiner Gast-Familie und meiner Arbeit hatte ich aber das Privileg ein bisschen herumzureisen. Da war Boston, das mich in vieler Weise an die alte Heimat erinnert hat. Es gab viele „ältere“ Gebäude (man bedenke, dass es ja so gut wie keine über 300 Jahre alten Gebäude hier gibt), die Temperaturen hatten sich auch Deutschland zum Vorbild genommen, und es gab sogar gute öffentliche Verkehrsmittel!
Einen weiteren Abstecher durfte ich fast ins Zentrum der USA machen: nach Wyoming. Neben dem Flyfishing, dem Hauptgrund der Reise, sind mir zwei Sachen in Erinnerung geblieben: a) es gab dort sogar NOCH mehr PickUp-Trucks als in Georgia und b) habe ich dort zum ersten Mal einen Spirituosen-Laden mit Drive-Through gesehen, wo man gefragt wird, ob man gerne einen „Drink to go“ haben möchte!!!
Den letzten Reisepunkt, den ich erwähnen möchte ist dann die Westküste, die „andere Seite“ der USA. Dort bin ich in den letzten Tagen herumgetourt. Die Naturwunder (Redwood-Forest, Yosemity, Zion, Bryce Canyon, Grand Canyon) waren einfach berauschend. Kein Wunder, dass der Grand Canyon zu den sieben Weltwundern zählt. Aber auch San Francisco und Las Vegas sind einfach ganz besondere Städte - beide extrem verschieden.
Aber wo immer ich war, überall gab es Ähnlichkeiten: Man fand überall seine Lieblingsrestaurants, die Hotels waren überall die gleichen und die Zimmer sahen in jedem der „verschiedenen“ Ketten gleich aus. Auch die riesigen Werbeschilder gab es eigentlich an jeder größeren Straße.
Das heißt aber ganz bestimmt nicht, dass es eintönig sei durch die USA zu touren. Im Gegenteil. Jeder Fleck hat seine Besonderheiten. Sei es einfach nur der Akzent, die Mode (jaja, die Cowboys gibt es nicht nur bei Marlboro), die Bauweise und natürlich die extrem vielfältige Natur.
Tja, und schon sehr bald muss ich das Land mit meiner neuen Familie, meinen neuen Freunden und „the American way of life“ hinter mir lassen. Also, mein wirklich letzter Eintrag wird dann schon sehr bald kommen!
