04.03.2010 | Reden / Stellungnahmen

Rede im Plenum

Anlässlich des Weltfrauentages am 8. März diskutierte der Deutsche Bundestag heute über Gleichstellungspolitik. Kristina Schröder eröffnete als zuständige Ministerin die Debatte und äußerte sich erstmals seit ihrem Amtsantritt grundsätzlich zur Chancengerechtigkeit von Frauen und Männern. Schröder sprach von den Benachteiligungen von Menschen, die Fürsorgeaufgaben in der Familie übernehmen und stellte Lösungsansätze vor, um die Ursachen ungleicher Chancen in der beruflichen Entwicklung zu bekämpfen.

Video


Mitschrift

Dr. Kristina Schröder, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Vier Anträge zur Gleichstellungspolitik stehen heute auf der Tagesordnung. Kein einziger dieser Anträge fordert die Abschaffung des Weltfrauentages; denn zu lang ist die Liste der Themen, die an diesem Tag unsere Aufmerksamkeit verdienen. Ich möchte daher meine erste gleichstellungspolitische Rede als Ministerin für ein paar grundsätzliche Bemerkungen zur Chancengerechtigkeit von Frauen und Männern in der beruflichen Entwicklung nutzen.

Meine These ist, dass Strukturen und Kulturen in der Arbeitswelt nicht nur Frauen benachteiligen, sondern zu einer Benachteiligung von Menschen, von Männern und Frauen, führen, wenn sie Fürsorgeaufgaben in der Familie übernehmen. Deshalb sehe ich mich hier sowohl als Familienministerin als auch als Gleichstellungsministerin in der Pflicht.

Wir kritisieren zu Recht, dass Frauen immer noch deutlich weniger verdienen als Männer. Wir kritisieren zu Recht, dass auf höheren Hierarchieebenen, in Führungspositionen, insbesondere in Vorständen und Aufsichtsräten sehr wenige Frauen vertreten sind. Aber warum reden wir so wenig über die kulturellen und strukturellen Ursachen in der Arbeitswelt, die diesen Beobachtungen zugrunde liegen? Ich glaube nicht, dass Gehaltsunterschiede und die fehlende Präsenz von Frauen in den Führungsetagen immer noch das Ergebnis bewusster, schenkelklopfender Diskriminierung ist. Vielmehr glaube ich, dass wir es mit kulturellen und strukturellen Ursachen zu tun haben.

Ich denke dabei zum Beispiel an ein Erlebnis, das ich vor zwei Wochen im Zug hatte. Vor mir saß eine Frau Mitte dreißig mit Notebook, Handy und Tochter. Die Kleine plapperte: "Mein Zimmer ist das schönste, aber dein Zimmer und Papas Zimmer sind auch schön." Da fragte die Mutter: "Mein Zimmer? Papas Zimmer?" Die Kleine antwortete: "Die Küche und das Büro." Da musste ich natürlich erst einmal grinsen, aber in dieser kindlichen Wahrnehmung wird, glaube ich, eines deutlich: Berufstätige Männer nehmen oft zwei, drei Karrierestufen auf einmal, während berufstätige Frauen meist zwei, drei Jobs auf einmal machen, nämlich Beruf, Kindererziehung und Haushalt.

Das hat wenig mit individuellen Denk- und Verhaltensmustern zu tun. Wenn Paare sich freiwillig für dieses Modell entscheiden, dann ist das ihre Privatsache. Aber in vielen Fällen ist es nicht so. Viele Paare heute wünschen sich eine gleichberechtigte Partnerschaft. In den Führungsetagen vieler Unternehmen gibt es eine strukturell familienfeindliche Kultur, die diese häusliche Arbeitsteilung zementiert. Ich glaube, dass genau das das Problem ist. Diese Arbeitskultur ist von einer Leistungselite geprägt, die sich deshalb so kompromisslos ihrer Karriere widmen kann, weil sie die Zuständigkeit für Kinder und Küche weitgehend outgesourct hat. Dazu lasse ich gern einen Mann zu Wort kommen. Ich zitiere aus einem Artikel über Managerehen, der schon vor einiger Zeit in der Wirtschaftswoche erschienen ist. Der moderne Manager sei ein "familienferner Lebensnomade," ...

Ich zitiere weiter:

"Seine Firma verlangt den ganzen Mann, rund um die Uhr und rund um den Globus, dafür wird er schließlich bezahlt, und nicht nur er, auch seine Frau und seine Kinder stehen auf der Gehaltsliste der Firma, als entfernte Angestellte gewissermaßen, weil auch sie ihr Leben dem Job unterordnen, ganz klar, ... "

Ich glaube, die Luft für Frauen in den Führungspositionen ist auch deshalb so dünn, weil sie keine familienfernen Lebensnomaden sein wollen.

Beifall bei der CDU/CSU und der FDP
Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Oh! Oh!

Dies wird aber in vielen Unternehmen unausgesprochen erwartet, und auch die Arbeitszeit in vielen Führungspositionen lässt es überhaupt nicht anders zu. Das meine ich mit den Kulturen und Strukturen, die ich als die Ursache für die Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt genannt habe. Solange Frauen kinderlos bleiben und sich für den klassisch kompromisslosen männlichen Lebenslauf entscheiden, ist das kein so großes Problem. Da gibt es zwar die typischen Vorurteile, die jede erfolgreiche Frau kennt, aber das machen Frauen oft durch einen besonderen Arbeitseinsatz wieder wett. Sobald Frauen aber Mütter werden und sich Zeit für Verantwortung nehmen wollen, bezahlen sie dafür mit Gehaltseinbußen und eingeschränkten beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten.

Ulla Burchardt (SPD): Das ist ja eine ganz neue Erkenntnis! Guten Morgen!

Sie sind es, die länger im Beruf aussetzen. Sie sind es, die in Teilzeit zurückkehren. Sie sind es, die den Familienalltag managen. Das ist - das betone ich noch einmal - völlig in Ordnung, solange sich Paare dafür entscheiden. Ungerecht ist es, wenn die äußeren Bedingungen ihnen keine andere Wahl lassen.

Beifall bei der CDU/CSU und der FDP

Von fairen Chancen für Frauen in der Arbeitswelt kann keine Rede sein, solange familiäre Aufgaben dort als Handicap gelten. Dies gilt übrigens genauso für Männer, die bereit sind, mehr familiäre Verantwortung zu übernehmen. Denn auch sie disqualifizieren sich häufig für höhere Aufgaben in einer von familienfernen Lebensnomaden geprägten Welt, in der sich Kulturen und Strukturen nur sehr langsam verändern.

Was aber bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn Zeit für Verantwortung in der Familie so massiv mit beruflichen Entwicklungschancen bezahlt werden muss? Diese Frage halte ich für entscheidend. Denn ich verstehe meine Arbeit als Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nicht nur als Arbeit für diese Zielgruppen, sondern auch als Gesellschaftspolitik mit einem zentralen Ziel: mit dem Ziel, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu unterstützen und zu fördern. Unter diesen Leitgedanken sollten wir auch unsere Gleichstellungspolitik stellen, und unter dieser Prämisse sollten wir auch die Forderung nach gesetzlichen Quotenregelungen beurteilen.

Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP

Die christlich-liberale Koalition hat sich in ihrem Koalitionsvertrag klar zum gemeinsamen Ziel bekannt, den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen.

Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP

Dabei kann man mit der Brechstange vorgehen und gleichstellungspolitische Ziele gesetzlich vorschreiben, etwa in Form von gesetzlichen Quoten für alle Bereiche, in denen Frauen fehlen. Das wirkt dann wie Kortison: Die Symptome verschwinden, aber die Ursachen bleiben.

Elke Ferner (SPD): Was ist los? Kortison?

Man kann aber auch versuchen, die Ursachen ungleicher Chancen in der beruflichen Entwicklung zu bekämpfen. Das ist eine langfristige Strategie, und sie fordert ein ganzes Bündel unterschiedlicher Maßnahmen: Maßnahmen, die Denk- und Verhaltensmuster ändern, wie zum Beispiel die Vätermonate oder eine Gleichstellungspolitik, die gezielt auch Jungen und Männer in den Blick nimmt, Maßnahmen, die Zeit für Verantwortung in die Arbeitswelt integrieren, wie zum Beispiel das Teilelterngeld oder unser wichtiges Vorhaben einer Familienpflegezeit, und nicht zuletzt auch Maßnahmen, die die Dominanz von Männern ab einer gewissen Hierarchiestufe transparent machen und Diskussionen darüber anstoßen.

Elke Ferner (SPD): Da hilft eine Brille, Frau Ministerin!

Hier setzt unser Stufenplan an. Was wir brauchen, sind Veränderungen, die wir am besten mit Unterstützung der Unternehmen und nicht im Kampf gegen die Unternehmen erreichen.

Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE): Aber das reicht nicht!
Elke Ferner (SPD): Ich glaube, der Osterhase ist da!

Deshalb halte ich eine Quotenregelung nicht für die gleichstellungspolitische Offenbarung. Das gilt insbesondere im operativen Bereich, im Management und bei Vorständen; da wäre eine Quotenregelung schon verfassungsrechtlich problematisch. Für Aufsichtsräte allerdings schließe ich eine Mindestanteilsregelung als Ultima Ratio nicht aus. Denn ich bin überzeugt, als Damoklesschwert kann eine gesetzliche Mindestanteilsregelung für Aufsichtsräte notwendige Veränderungsprozesse in Gang setzen.

Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP

Als Brechstange benutzt, würde sie aber nur die Zahlen verändern.

Vielleicht brauchen wir aber weder das eine noch das andere. Denn Unternehmen können es sich gar nicht mehr leisten, in den Führungsetagen auf die Kompetenz von Frauen zu verzichten.

Elke Ferner (SPD): Ja, ja! Das hören wir seit zehn Jahren!
Christel Humme (SPD): Guck dir die Aufsichtsräte doch mal an!)

So viel Selbstbewusstsein sollten wir haben, nicht nur am Weltfrauentag.

Beifall bei der CDU/CSU und der FDP
Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Oh! Ist sie schon fertig?

Bei Social Networks verlinken

Twitter Facebook delicious.com Google Bookmarks Xing

Bislang 5 Leserbriefe

Die Redaktion weist darauf hin, dass der Inhalt der Leserbriefe die Ansicht der Einsender wiedergibt, die nicht unbedingt mit der Meinung Kristina Schröders oder der Redaktion übereinstimmt.

  • David Mueller am 05.03.2010: (152 Zeichen)

    Gute Rede. Ich habe in meinem Blog http://SuchetderStadtBestes.wordpress.com darüber berichtet.
  • Julia Seeliger am 09.03.2010: (713 Zeichen)

    Sehr geehrte Frau Schröder, ihre in der Rede vorgebrachten Thesen empfinde ich eher als dünn. Dass man die Verschränkung von Arbeit und Geschlechterpolitik derart grundsätzlich denkt, kenne ich eher aus der Linkspartei oder der Grünen Jugend. Da gibt es dann auch immer so tolle Thesen, dass sich die Geschlechterfrage schon von selbst erledigen würde, wenn man nur die Arbeitszeit begrenze, "den Kapitalismus überwunden" hätte oder ähnliches. Seien Sie doch bitte mal ein wenig differenziert und schauen sich die Realitäten an, anstatt weiterhin ihre Verachtung für die klassische Frauenpolitik in die Welt zu tragen. Der Hammer war ja Ihr Vergleich mit Cortison. Herzlichen Dank. Julia Seeliger
  • Manuel Deis am 09.03.2010: (853 Zeichen)

    Das hört sich doch gar nicht mal so übel an. Als ich die 23% Lohnungleichheit hörte, von denen Frau Reding, die EU-Kommissarin für Justiz und Grundrechte, da letztens sprach und die Reaktionen darauf, man solle doch schnellstens etwas dagegen unternehmen, vermutete ich bereits Schnellschüsse wie die "positive Diskriminierung". Scheinbar ist aber auch bei der Union angekommen, dass man das Problem besser an der Wurzel packt. Es wäre sicher allen geholfen, wenn im Arbeitsalltag weniger Elitenkämpfe und das "Ich" den Ton angeben würden, sondern mehr soziale Faktoren und das "Wir". Dadurch könnten sich Frauen auch mehr in solchen Unternehmensgesellschaften zurechtfinden und wohlfühlen. Die Frage ist nur, wie hoch ist dann noch die Trennschärfe zwischen der Union und der SPD und wie sehr verärgert man damit seinen Koalitionspartner...
  • Pia M am 12.03.2010: (659 Zeichen)

    Sehr geehrte Frau Schröder, Die Entscheidung zwischen Symptombekämpfung und Ursachenbekämpfung fällt leider viel zu oft zugunsten des Fehlschlusses aus, von Quoten zu einem tiefgreifenden Einstellungswandel incl. Lösug des Problems gelangen zu können. Vollste Zustimmung und weitere Ermutigung dafür, dass Sie sich für den fundierteren Weg einsetzen, durch den die Entscheidung zu - und Übernahme von - unmittelbar zwischenmenschlicher Verantwortung (innerfamiliär aber auch allgemeiner) eine ECHTE Aufwertung erhält; auch ganz unabhängig davon, wie die Aufgabenteilung im konkreten Fall des Paares/der Familie entschieden wird. Herzlichen Dank!
  • Peter Willem Moritz am 02.04.2010: (562 Zeichen)

    Diese Zustände der weiblichen Belegschaft habe ich als Mann in Betriebsversammlungen meiner Arbeitsstelle öfters hingewiesen, dass Frauen immer noch mit niedrigerem Arbeitslohn diskriminiert werden. Darauf ein Kollege: wenn Frauen genau so viel wie Männer verdienen, sollten sie auch körperlich so viel wie Männer arbeiten. Nun in meiner Arbeitsstelle arbeiten überwiegend Frauen in Addministratievenabteilungen. Es gibt aber auch in meiner Arbeitsstelle Arbeitsplätze, die schwer auf den Rücken gehen und so mit auf die Gesundheit der Kolleginnen.

Eigenen Leserbrief schreiben

Nutzen Sie die Möglichkeit, diese Rede zu kommentieren. Direkt und unverblümt, Lob und Kritik - ich freue mich über jeden neuen Leserbrief! Allerdings bitte ich um Verständnis, dass nur ernst gemeinte Beiträge, solche, die die "Netikette" wahren, und solche, die den presserechtlichen Vorgaben entsprechen, freigeschaltet werden. Zudem behalte ich mir vor, einzelne Passagen nicht zu veröffentlichen.

Ich bin mit der Veröffentlichung des Leserbriefes einverstanden.
Um automatisch generierte Kommentare, wie beispielsweise Spam, verhindern zu können, müssen Sie leider eine einfache Frage beantworten und die richtige Lösung in das nachfolgende Formularfeld schreiben. Die Frage lautet: Welches Datum schreibt man morgen, wenn heute der 03.09.2010 ist? Ihre Antwort:

zurück