Dr. Kristina Schröder

Direkt gewählte Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis Wiesbaden
Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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Neuigkeiten
Leserbrief

· Reden und Stellungnahmen

In klaren Worten verteidigte die Integrationspolitikerin Kristina Köhler (CDU) in einem Leserbrief an die ZEIT die Wissenschaftlerin und Autorin Dr. Necla Kelek gegen die Angriffe einiger Migrationsforscher. Diese hatten in einer Petition in der ZEIT Dr. Kelek vorgeworfen, sie würde Themen wie etwa die Zwangsverheiratung von Migrantinnen künstlich aufbauschen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

in der ZEIT vom 01.02.2006 erschien eine Petition der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Yasemin Kara-kasoglu und des Psychologen Dr. Mark Terkessidis, unterschrieben von 60 weiteren Migrationsforschern. Neben einigen Unterstellungen und Beleidigungen, die sicherlich für sich selbst sprechen, behaupten die Autoren, die deutsche Integrationspolitik stütze sich auf Vorurteile, und werfen zugleich der Soziologin und Buchautorin Dr. Necla Kelek mangelnde Seriosität vor. Als innenpolitische Berichterstatterin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Islamismus und die Integration von Frauen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund möchte zu diesem seltsamen Pamphlet im Folgenden kurz Stellung nehmen.

Zunächst kann ich mich Frau Dr. Keleks Kommentar zu den von Frau Prof. Katakasoglu und Herr Dr. Terkessidis geforderten „auf rationale Weise gewonnen Erkenntnissen“ nur anschließen: auf den Tisch damit! Sollen sie uns zum Beispiel endlich Daten und Fakten zum Umfang der Zwangsheirat in Deutsch-land liefern. Bis heute gibt es hierüber nämlich keine einzige umfassende wissenschaftliche Erhebung. Es gibt nur Zahlen aus unterschiedlichen Umfragen, wie etwa aus Berlin und Stuttgart vom Jahr 2002. Dem-nach wurden in Berlin 230 und in Stuttgart 120 Fälle von Zwangsheirat eindeutig nachgewiesen, die Dun-kelziffer wurde als wesentlich höher eingestuft. Aus der Gesamtzahl der Interviews und Untersuchungen zogen der Migrationsrat Berlin-Brandenburg und der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg in einer gemeinsamen Stellungnahme 2004 den Schluss, dass „rund die Hälfte der in Deutschland geschlossenen Migrantenehen als Zwangsheiraten zu qualifizieren sind“. Wenn die Autoren andere Zahlen haben, her damit! Aber es ist jedenfalls nicht Frau Dr. Keleks Schuld, dass diese finanziell gut ausgestatteten Migrati-onsforscher sich jahrzehntelang nicht getraut haben, Fragen zu stellen, die ihre kleine heile mulikulturelle Welt hätten ins Wanken bringen können.

Von Selbstreflexivität – bei den Autoren keine Spur. Anstatt die Arbeiten von Frau Dr. Kelek unwissen-schaftliche und unseriös zu nennen, sollten sie sich vielleicht mal damit auseinandersetzen, warum ihre eigenen Arbeiten nicht diskursprägend sind. Die Ergebnisse der Interviewforschungen von Frau Prof. Dr. Katakasoglu sind nämlich natürlich interessant. Aber die Interpretationen dieser Ergebnisse greifen nun mal oftmals zu kurz. Dies zeigt sich etwa exemplarisch an einem Artikel, den Herr Dr. Terkessidis für die Bundeszentrale für politische Bildung geschrieben hat:„Der lange Abschied von der Fremdheit“. Einge-hend auf die Ergebnisse von Prof. Karakasoglu beschreibt er darin die Situation junger Muslima folgen-dermaßen:

„Wie Yasemin Karakasoglu-Aydin in Interviews mit ‚Kopftuch-Studentinnen’ türkischer Herkunft heraus-fand, verkörpern diese jungen Frauen eben nicht ‚kulturelle Abgrenzung’ im Sinne von religiöser Traditio-nalität und weiblicher Unterordnung. […] Das Tuch soll nach ihren Aussagen dafür sorgen, dass nicht das weibliche Äußere, sondern die Persönlichkeit Beachtung findet. Darüber hinaus garantiert es den jungen Frauen Respekt.“ Daraus schließt Herr Dr. Terkessidis, anlehnend an die Interpretation von Frau Prof. Dr. Karakasoglu: „Alle Bedeutungen, die von den jungen Frauen selbst mit dem Tragen des ‚türban’ ver-bunden werden, sind im höchsten Maße ‚integriert’ und ‚modern’“.

Sind sie das? In der Attacke gegen Frau Kelek skizzieren die beiden Autoren in hochtrabendem Duktus ihre Forschungsergebnisse, schreiben von den subjektiven Neuinterpretationen, die aus der Interaktion mit dem familiären Netzwerk oder der Mehrheitsgesellschaft entstehen. Im schlechtesten Fall eine sozial-wissenschaftliche Banalität, im besten Fall ein verkürzter sozial-konstruktivistischer Ansatz. Aber in jeden Fall bewusst inkonsequent, weil da aufhörend, wo die eigentlich interessanten Fragen liegen: Wie kommen denn die Mädchen dazu, dass sie ohne Kopftuch nur nach ihrem Äußeren beurteilt würden? Wie kommen sie dazu, dass nur das Kopftuch ihnen Respekt verschafft? Respekt bei wem? Diese Forschungen hören immer dort auf, wo es wehtun könnte. Und damit kann die reale Politik eben leider nur bedingt etwas anfangen.

Es gäbe sicherlich noch viel zu entgegnen. Ich bin jedenfalls froh, dass die Autoren und die Unterzeichner dieser Petition heute weder repräsentativ noch prägend für die Migrationsforschung in Deutschland sind. Und ich bin froh, dass wir kritische Geister wie Frau Dr. Kelek haben. Denn es geht hier nicht um den Islam, es geht nicht um kulturelle Differenzen, sondern es geht ganz einfach um die Durchsetzung ele-mentarer Menschenrechte.

Mit freundlichen Grüßen,

Kristina Köhler, MdB

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