Aktuelles 
Grußwort
Sehr geehrte Damen und Herren,
die meisten deutschen Teilnehmer der heutigen Konferenz werden diese Situation vielleicht auch schon einmal erlebt haben: Sie sind als Tourist im Ausland unterwegs, Sie lernen andere Reisende kennen, Sie kommen ins Gespräch – und irgendwann konfrontiert ihr Gegenüber Sie unvermittelt mit der Frage: Wie steht Ihr Deutschen heute zum Holocaust?
Ich habe diese Frage zweimal erlebt: einmal von einem Amerikaner in New York, und einmal von einer Israelin, die ich ebenfalls in den USA kennen gelernt habe. Es ist eine Frage, die zumindest die Jüngeren heute eigentlich ganz sachlich beantworten könnten: "Wir haben aus unserer Vergangenheit gelernt. Wir bekennen uns zur Unver-äußerlichkeit der Menschenrechte und verteidigen unsere Prinzipien gegen jeden, der sie in Frage stellt."
Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Zur Wahrheit gehört auch die emotionale Seite: Wir empfinden tiefe Scham. Wir sind zu jung für eigene Erinnerungen, und doch hat der Holocaust sich in unser kollektives Erinnern eingebrannt. Die Schuld ist Teil unserer nationalen Identität.
Sowohl auf der rationalen als auch auf der emotionalen Ebene sind die Menschenrechte und die Unantastbarkeit der Menschenwürde heute die Folie für unsere Wahrnehmung des Holocausts. Einen anderen Stand- und Ausgangspunkt können und dürfen wir nicht akzeptieren. Denn die Berichte, die uns beispielsweise von Ausschwitz-Häftlingen wie Primo Levi von der organisierten Massenvernichtung der europäischen Juden überliefert sind, führen uns immer wieder mit jedem Detail auf schockierende Weise vor Augen, wohin Rassismus und politischer Extremismus gepaart mit einer menschenverachtenden Sozialtechnik führen können.
Paragraf 130, Absatz 3 unseres Strafgesetzbuches sieht für Billigung, Leugnung oder Verharmlosung des Holocausts zu Recht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe vor. Holocaustleugnung ist infame Verhöhnung der Opfer und niederträchtige Verdrehung der historischen Tatsachen. In der weltweiten Empörung, die Reden des iranischen Präsidenten auslösten, fand Angela Merkel im Februar 2006 auf der Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik die richtigen Worte: "Ich sage dies ganz besonders als deutsche Bundeskanzlerin: Ein Präsident, der das Existenzrecht von Israel in Frage stellt, ein Präsident, der die Existenz des Holocaust leugnet, kann nicht erwarten, dass Deutschland in dieser Frage auch nur die geringste Toleranz zeigt."
Ausgehend von dieser moralischen Grundhaltung, die die überwältigende Mehrheit der Deutschen teilt, stellt die heutige Tagung wichtige Fragen:
- Mit welchen Schwerpunkten beschäftigt sich die Holocaust-Forschung derzeit?
- Wie werden ihre Ergebnisse international rezipiert?
- Inwiefern und von wem wird der Holocaust instrumentalisiert?
- Welche Absichten verfolgen Holocaustleugner heute?
- Wie gehen wir mit den zunehmenden Holocaustleugnungen von radikal-islamistischer Seite um?
- Vor welche Herausforderungen werden unsere demokratischen Zivilgesellschaften dadurch gestellt?
1955, in seinem Geleitwort zur deutschen Fassung von Hannah Arendts Buch "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" schreibt der Heidelberger Philosoph Karl Jaspers vom Geist der Wahrhaftigkeit. Dieser Geist der Wahrhaftigkeit "dient weder einer bodenlosen Objektivität endloser Gleichgültigkeiten, erst recht nicht in der Enge irgendwelcher Interessen, sondern der Menschenwürde."
Der heutigen Konferenz "Der Holocaust im transnationalen Gedächtnis" wünsche ich interessante Vorträge und aufschlussreiche Diskussionen, dazu den eben zitierten, der Menschenwürde dienenden Geist der Wahrhaftigkeit. Er ist Voraussetzung für eine der wesentlichen Leistungen, die die Geschichtswissenschaft erbringen kann: dass die aus der Vergangenheit gewonnene Erkenntnis ein Korrektiv für Gegenwart und Zukunft werden kann.







