Dr. Kristina Schröder

Direkt gewählte Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis Wiesbaden
Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Aktuelles
Festrede

· Reden und Stellungnahmen · Politische Bildung, Veranstaltungen

I.
Sehr geehrte Frau Bundesministerin,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

heute vor genau 50 Jahren protestierten über eine Million Ostdeutsche in über 700 Städten und Gemeinden für freie Wahlen und die Einheit Deutschlands, für Freiheit und Demokratie, gegen Diktatur und Unterdrückung.

  • Da waren die Bauarbeiter der Ost-Berliner Stalinallee, die am 16. Juni einen Streik begannen und später siegesgewiss, die Fahnenstangen fest in der Hand, durchs Brandenburger Tor marschierten.
  • Da war der Fliesenleger aus Mecklenburg, der dem Minister für Schwerindustrie Fritz Selbmann vor dem Regierungsgebäude das Wort abschnitt, ihn zur Seite drängte und laut erklärte: "Hier stehen nicht die Bauarbeiter der Stalinallee, hier steht Berlin und die ganze Zone. Dies ist eine Volkserhebung. Wir fordern freie Wahlen."
  • Da war die Gruppe junger Männer, die die kommunistische rote Fahne mit Hammer und Sichel vom Brandenburger Tor holten und verbrannten.
  • Da waren unzählige junge und alte Menschen, Arbeiter, Angestellte, Studenten, Hausfrauen, die Plakate hochhielten, auf denen zu lesen war: "Freie und gesamtdeutsche Wahlen!", "Nieder mit Ulbricht und Grotewohl!", "Rücktritt der Regierung!".

Sie alle bewiesen Mut und Zivilcourage. Sie wagten es aufzubegehren gegen ein menschenverachtendes, ungerechtes Regime. Sie riskierten ihr Leben für eine vage Hoffnung auf Demokratie und bessere Lebensbedingungen. Sie prägten mit ihrem mutigen Protest die politische Kultur in der DDR, die 1989 zur friedlichen Revolution geführt hat.

II.
Viele von Ihnen werden vielleicht selbst noch eigene Erinnerungen an diesen Tag haben:

  • an Bilder in den Zeitungen, an Berichte im Radio, vielleicht sogar an Erzählungen von Bekannten und Verwandten.
  • Die meisten von Ihnen haben ganz sicher auch Erinnerungen an die langen Jahre, in denen der 17. Juni als "Tag der deutschen Einheit" Nationalfeiertag im Westen Deutschlands war.
  • Für viele von Ihnen hat dieser Tag nicht nur eine historische, sondern auch eine persönliche Bedeutung: sei es, weil Verwandte oder Freunde im Osten lebten, an deren Schicksal man Anteil nahm; sei es, weil der Jahrestag des 17. Juni auch für viele Westdeutsche die Hoffnung auf Wiedervereinigung symbolisierte.

Ich selbst bin 1977 geboren, 24 Jahre nach dem Volksaufstand in der DDR. Die Ereignisse des 17. Juni 1953 kenne ich nur aus den Berichten von Zeitzeugen im Fernsehen und in den Zeitungen.
Selbst die jahrzehntelange Teilung Deutschlands ist für mich lange nicht so präsent wie für die meisten von Ihnen. Als die Forderungen der Demonstranten von 1953 mit dem Fall der Berliner Mauer Wirklichkeit wurden, war ich zwölf Jahre alt - zu jung, um die Bedeutung dieser Ereignisse wirklich erfassen zu können.
Der Mangel an eigenen Erinnerungen in Zusammenhang mit diesem Jahrestag hat mich dazu animiert zu fragen, welche Bedeutung dieser Tag heute für meine Generation hat. Wie präsent ist der 17. Juni 1953 im Geschichtsbewusstsein junger Menschen?
Die Daten, die es dazu gibt, stimmen nachdenklich. Einer aktuellen Emnid-Umfrage zufolge können fast die Hälfte der 18-24jährigen den 17. Juni nicht einmal historisch einordnen: Nur 20 Prozent verbinden mit diesem Datum den Volksaufstand in der DDR.
Doppelt so vielen, also 40 Prozent der 18-24-jährigen, sagt das Datum überhaupt nichts. Das zeigt leider, dass der 17. Juni noch keinen festen Platz in unserer politischen Erinnerung hat.
Wenn wir heute den 50. Jahrestag des Volksaufstands in der DDR feiern und davon reden, die Erinnerung an den 17. Juni 1953 aufrecht zu erhalten, dann müssen wir uns deshalb fragen, was dieser Tag für die nachwachsende Generation bedeuten kann. Wir müssen uns fragen, warum künftig auch die Generation, die keine persönlichen Erinnerungen an diesen Tag hat, der Ereignisse des 17. Juni gedenken soll. Denn davon wird es abhängen, welchen Stellenwert der Volksaufstand des 17. Juni für die Identität des wiedervereinigten Deutschlands hat.

III.
Leider fristete der 17. Juni 1953 bisher eher ein Schattendasein in der politischen Erinnerung des wiedervereinten Deutschlands - obwohl und vielleicht sogar gerade weil an ihn alljährlich gedacht wurde. Im Alltagsbewußtsein ist er hingegen nicht präsent. Das zeigt schon der Blick auf die Lehrpläne deutscher Schulen:
Die kommunistische Diktatur spielt, anders als die Zeit des Nationalsozialismus, kaum eine Rolle. Die DDR wird in den Geschichtsbüchern nur am Rande erwähnt, die Ereignisse des 17. Juni und ihre Hintergründe werden nur gestreift. In einigen Bundesländern, zum Beispiel in Brandenburg und Bremen, steht die Geschichte der DDR überhaupt nicht auf dem Lehrplan.
Wie soll der 17. Juni den Deutschen unter diesen Bedingungen in Erinnerung bleiben? Wie soll unter diesen Bedingungen das Bewusstsein erhalten bleiben, dass die kommunistische Ideologie ebenso gefährlich ist wie jede andere Ideologie?

Die mangelnde Kenntnis der nachwachsenden Generation von den Ereignissen des 17. Juni und seinen Hintergründen ist daher mehr als nur eine Bildungslücke. Es geht um die Frage, welchen Wert Demokratie und Rechtsstaatlichkeit für eine Generation haben, die in Freiheit aufgewachsen ist und nie etwas anderes kennen gelernt hat.
Denn "nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft", hat Wilhelm von Humboldt treffend formuliert. Die Vergangenheit, die Gesamtheit unserer Erfahrungen, Erlebnisse und Erinnerungen, prägt unsere Identität entscheidend mit.

Aus dieser Identität heraus handeln wir; sie bestimmt unsere Sicht auf die Gegenwart und weist den Weg in die Zukunft. Vor diesem Hintergrund ist es besorgniserregend, dass der Volksaufstand in der DDR in Vergessenheit zu geraten droht.
Meine Antwort auf die Frage, warum der 17. Juni auch für nachfolgende Generationen eine große Bedeutung hat, ist, daß wir auf diesen Tag stolz sein können - und stolz sein sollen.
Der 17. Juni ist einer der wenigen Tage in der deutschen Geschichte, an dem die Deutschen für Freiheit gekämpft und Widerstand gegen eine Diktatur geleistet haben. Es gibt nicht viele Ereignisse in unserer gemeinsamen Vergangenheit, die so eindringlich zeigen, dass Demokratie eine kostbare Errungenschaft ist, für die es sich einzutreten lohnt.
Den Mut, dabei sein eigenes Leben oder seine Freiheit zu riskieren, kann man von keinem Menschen verlangen. Gerade deshalb verdienen die Widerstandskämpfer des 17. Juni unseren allergrößten Respekt - und sie verdienen es auch, daß wir und nachfolgende Generationen auf sie stolz sind, auf ihren Mut, ihre Tapferkeit und ihre Leidenschaft.
Es gibt einen weiteren, meines Erachtens sehr wichtigen Grund, warum der 17. Juni auch für meine Generation so wichtig ist: Der 17. Juni endete blutig. Fast 100 Menschen starben, 13 000 wurden in den darauffolgenden Wochen inhaftiert und vegetierten teilweise über zehn Jahre unter menschenunwürdigen Bedingungen. Diese schrecklichen Folgen, die der 17. Juni für diese Menschen hatte, blieben im kollektiven Gedächnis der DDR verhaftet. Und gerade deshalb erforderte es solchen Mut, sich im Oktober 1989 an den Demonstrationen für Freiheit und Einheit zu beteiligen. Um dies zu begreifen, brauchen insbesondere wir Westdeutschen den 17. Juni.
Für meine Generation, die heute aufwächst, sind Freiheit und Demokratie etwas Selbstverständliches. Wir brauchen die gemeinsamen Erinnerungen, um uns bewusst zu machen, dass es notwendig ist und dass es sich lohnt, für Demokratie zu kämpfen. Denn Freiheit und Demokratie sind eben nicht selbstverständlich - auch heute nicht. Nach wie vor haben Ideologien, die die Grundpfeiler unserer Demokratie in Frage stellen, zuviele Anhänger.

Demokratie braucht aktive Unterstützung: eine politische Haltung, die den Widerstand gegen Ideologien, rechte wie linke, mit einschließt; und eine Erinnerungskultur, die eine solche Haltung fördert. Denn die Bedeutung und den Wert von Rechtsstaatlichkeit und Freiheit kann nur ermessen, wer die Vergangenheit kennt.

V.
Der 17. Juni ist ein großer Tag für die deutsche Demokratie. Er steht für demokratische Errungenschaften wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte. Dafür sind Deutsche an diesem Tag auf die Straße gegangen, haben persönliche Nachteile in Kauf genommen, zum Teil sogar ihr Leben riskiert.
Als Bürger eines vereinten Deutschlands sollten wir deshalb stolz sein auf diesen Tag und sein Vermächtnis. Ich denke, wenn es gelingt, diesen Stolz an die junge Generation zu vermitteln, werden der 17. Juni 1953 und seine Botschaften nicht in Vergessenheit geraten.

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