Dr. Kristina Schröder

Direkt gewählte Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis Wiesbaden
Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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Festrede bei Freisprechungsfeier

· Reden und Stellungnahmen

173 Auszubildende des Bau- und Ausbaugewerbes erhielten am 15.08.2008 in der Casino-Gesellschaft ihren Gesellenbrief. Sechs Innungen und der Verband Baugewerblicher Unternehmer hatten die stilvolle Feier veranstaltet. Kristina Köhler hielt die Festrede.

Lieber Wolfgang Nickel,
sehr geehrter Herr Spitz, sehr geehrter Herr Volland,
liebe Eltern und Verwandte,
liebe junge Fachkräfte des Bau- und Ausbaugewerbes,
meine sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute gemeinsam mit Ihnen diese schöne Freisprechungsfeier begehen zu können. Mein besonderer Dank gilt dabei der Kreishandwerkerschaft Wiesbaden-Rheingau-Taunus für die einmal mehr gelungene Organisation und Durchführung des heutigen Tages. Vielen Dank!

Meine Damen und Herren, 173 Auszubildende des Bau- und Ausbaugewerbes werden in wenigen Minuten freigesprochen und dadurch offiziell zu Jungesellinnen und Junggesellen.

Was im Privatleben wohl in den meisten Fällen kein Grund zur Freude wäre - nämlich zum Junggesellen zu werden - bedeutet dem Hingegen im beruflichen Leben einen großen und wichtigen Schritt.

Einen Schritt, den wir heute gemeinsam gebührend feiern und würdigen wollen. Deshalb, liebe Gesellen: Herzlichen Glückwunsch zur heutigen Freisprechung!

Sie werde es mir verzeihen, dass ich nicht alle 173 Namen einzeln vorlesen kann. Aber ich möchte zumindest neun Auszubildende hervorheben, die ihre Sache als Innungsbeste besonders gut gemacht haben.

Dies sind:

  • Patrick Dietz,
  • Christian Müller,
  • Christoph Günther,
  • Sebastian Häuser,
  • Julia Kleinert,
  • Daniel Ruppert,
  • Steffen Kuhn,
  • Nils Estor und
  • Christian Dörner.

Ihnen, meine Herren und vor allem auch Ihnen Frau Kleinert als einziger Dame im Feld der Innungsbesten, möchte ich hiermit noch mal besonders gratulieren!

Meine Damen und Herren,

Versetzen wir uns gemeinsam noch mal ein paar Jahre zurück.

Sie liebe Eltern, an die Zeit, als Ihre Kinder einen Ausbildungsplatz gesucht und vielleicht nicht sofort gefunden haben.

Sie, liebe Junggesellen, an die Zeit, als Sie zum Ersten mal Ihren neuen Ausbildungsbetrieb betreten haben und der "neue Lehrling" waren.

Und Sie, liebe Ausbilder, an die Zeit, als Sie zum ersten Mal Ihrem neuen Lehrling gegenüberstanden und sich ganz sicher nicht bei jedem sofort sicher, ob das mit ihm oder ihr jemals etwas werden wird.
Zu dieser Zeit vor knapp drei Jahren - so lange wird es bei den meisten her sein - war der heutige Tag nur eine ferne und ziemlich verschwommene Perspektive.

Aber jetzt schauen Sie sich um. Wir sitzen heute hier in der Casino-Gesellschaft und dürfen feststellen: Sie haben es geschafft! Was gestern noch eine verschwommene Perspektive war, ist heute das feste Fundament für Ihr weiteres Leben! Sie haben was erreicht, liebe Gesellen, und darauf können Sie stolz sein!

Aber Sie waren nicht allein. Auch Ihre Eltern und Ihre Ausbildungsbetriebe haben einen großen Anteil daran, dass Sie heute hier sind.

Meine Damen und Herren, Eltern und Ausbildungsbetriebe haben eines gemeinsam: Sie werden viel zu selten gelobt. Man diskutiert viel über Fehler in der Erziehung und man spricht viel über Lehrstellenmangel. Aber wenn es gut läuft, dann spricht keiner davon.

Deshalb möchte ich Ihren Anteil, liebe Eltern, und Ihren Anteil, liebe Ausbildungsbetriebe, noch einmal besonders hervorheben und möchte mich an dieser Stelle bei Ihnen allen bedanken.

Bei den Eltern, dass Sie an Ihre Kinder geglaubt und ihnen den Rücken frei gehalten haben.

Und bei den Ausbildungsbetrieben, dass sie die Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt haben, und dass sie durch ihren persönlichen Einsatz dafür gesorgt haben, dass hier und heute 173 neue Männer und Frauen stehen bzw. sitzen, die vom Fach was verstehen. Vielen Dank!

Aber natürlich stehen heute unsere jungen Fachkräfte im Mittelpunkt. Bei aller Unterstützung war es am Ende nämlich Ihr eigener Einsatz und Ihr eigener Wille, der sie heute hierher geführt hat.

Der Weg dahin war sicherlich kein leichter. Jeder von Ihnen hatte andere Steine und Hürden, die er aus dem Weg räumen musste um heute hier zu stehen. Vielleicht musste mancher von Ihnen auch mal Luftdübel holen, ein verstellbares Augenmaß oder ein Päckchen Haumiblau. Ich hoffe für Sie, Sie haben's nicht gemacht. Jedenfalls ist diese Zeit nun endgültig vorbei.

In den letzten Jahren haben Sie viel gelernt. Darüber kann ich Ihnen nichts erzählen, da sind Sie die Fachleute.

Deshalb möchte ich Ihren Blick auf diejenigen Lektionen lenken, die Sie neben all' den handwerklichen Fähigkeiten und Kenntnissen auch erworben haben, und die nicht in den Lehrbüchern stehen.

Die erste Lektion kannten schon die alten Griechen: "Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt."

Soll heißen: Einen Abschluss bekommt man nicht geschenkt, sondern man muss ihn sich hart erarbeiten.

Das heißt aber auch: Leistungsbereitschaft und Einsatz zahlen sich aus.

Diese Lektion sollten Sie niemals vergessen.

Weil Sie ganz sicher noch in Phasen kommen werden, wo Sie nicht wissen, ob sich das alles lohnt. In Phasen, wo Sie vielleicht auch das Gefühl haben, festzustecken und nicht weiter zu kommen. Dann erinnern Sie sich daran, dass Sie es zum Großteil selber in der Hand haben, was Sie aus Ihrem Leben und Ihrem Beruf machen.

Sie haben gelernt, sich selber auch mal zu überwinden. Niemand kann Ihnen garantieren, dass Sie damit auch alle Tücken des Lebens überwinden werden. Aber jeder wird Ihnen garantieren, dass Sie es ohne die Fähigkeit die inneren Schweinehund zu überwinden, auf keinen Fall schaffen werden. Dass Sie das können, haben Sie gezeigt.

Und Sie müssen es auch weiterhin zeigen.

Sie müssen es besonders zeigen, wenn Sie etwa Ihren Meister machen wollen. Mancher von Ihnen wird sich das überlegt dem kann ich nach wie vor nur dazu raten. In jedem Beruf.

Mancher von Ihnen wird sich vielleicht sogar überlegen, weiter zur Schule zu gehen oder später noch zu studieren. Auch hierzu gehört viel an Selbstüberwindung.

Und ich hoffe auch, dass einige das Thema Selbstständigkeit in ihrer Perspektive haben. Die Existenzgründung ist ein großes Wagnis, aber sie ist auch der logische Schritt aus der Selbstverantwortung. Und sie eine der großen Chancen, die unsere soziale Marktwirtschaft bietet.

Was jedoch immer Sie noch vorhaben, in den letzten Jahren haben Sie jedenfalls gelernt, wie Sie an die Sache herangehen müssen: Mit demselben Ehrgeiz, er selben Ernsthaftigkeit und derselben Eigeninitiative, die Sie heute hier her gebracht hat.

Sie hören aber auch heraus, liebe Gesellen: Hinter jedem Lob - und das bekommen Sie heute ja zu Recht - steckt immer auch eine Warnung.

Ein Kollege von mir pflegt dazu immer zu sagen: Wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, der trägt sie an der falschen Stelle.

Seien Sie sich bewusst, dass Sie mit dem heutigen Tag ihre Grundausbildung absolviert haben. Nicht weniger - aber auch nicht mehr. Die Herausforderungen werden in den nächsten Jahren für Sie nicht weniger werden. Und auch die Prüfungen werden nicht abnehmen. Im Gegenteil.

Deshalb: Bleiben Sie lernfähig und lernwillig. Seinen Sie stets bereit, sich Fort- und Weiterzubilden. Und haben Sie stets den Mut zur Veränderung. Die Grundbausteine dazu haben Sie jetzt in Ihrem Werkzeugkasten, nutzen Sie sie!

Aber, liebe Gesellen, Sie haben hoffentlich auch noch andere Lektionen gelernt. Lektionen, man oft mit Sozialkompetenz beschreibt, was ich aber ehrlich gesagt ein wenig arg hochtrabend halte. Denn eigentlich geht es um nichts anderes als dass man lernt, im Betrieb anständig miteinander umzugehen. Denn ganz besonders in kleinen und mittelständischen Betrieben ist die Frage, wie die Mitarbeiter miteinander auskommen und miteinander arbeiten, eine überlebenswichtige Frage.

Und zum miteinander Auskommen gehören vor allem solche traditionellen Tugend wie Zuverlässigkeit, Rücksichtnahme und Respekt. Leider - und diese kritischen Töne müssen auch sein - bekommen wir von Arbeitgebern immer öfter zu hören, dass es gerade an diesen klassischen Tugenden immer mehr Auszubildenden mangelt.

Dass zum Beispiel das komplette Malerteam morgens um 7 abfahrtbereit da steht - und nur der Azubi fehlt.

Das ist eine Entwicklung, der wir gemeinsam entgegenwirken müssen.

Und wenn ich sage gemeinsam, dann beziehe ich Sie, liebe Junggesellen ausdrücklich mit ein. Wir müssen den kommenden Lehrlingen klar machen, dass diese traditionellen Tugenden nichts "uncooles" sind, sondern das Fundament der Betriebe und damit auch das Fundament ihrer eigenen und unser aller Zukunft.

Deshalb, meine Damen und Herren, ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Nicht nur das Handwerk, sondern unsere ganze Gesellschaft gründet sich auf der Bereitschaft zur Leistung und der Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung für sich selbst und für andere. Genau das nennen wir ja soziale Marktwirtschaft.

Es ist jetzt auf das Jahr genau 60 Jahre her seit dem Startschuss der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Und vor Anfang an war das Handwerk der Motor dieser sozialen Marktwirtschaft, die eben kein reines Wirtschaftssystem ist. Sondern sie ist ein Gesellschaftsmodell in dem Freiheit und Verantwortung, Leistungswillen und Solidarität Hand in Hand gehen. Sie verpflichtet denjenigen, die für sich selber sorgen kann, dies auch zu tun. Denn nur so können wir auch denjenigen Menschen einen angemessenen Lebensstandard gewährleisten, die ihn eben nicht selbst erarbeiten können.

Soziale Marktwirtschaft setzt also eigenverantwortliche, selbstständige und mündige Bürger voraus. Und sie setzt damit genau das voraus, was Sie, liebe Gesellen, neben ihren handwerklichen Fähigkeiten in den letzten Jahren entwickeln haben.

Die Politik muss, wenn Sie die soziale Marktwirtschaft am laufen halten will - und es gibt dazu in meinen Augen überhaupt keine funktionierende Alternative - soziale Marktwirtschaft aber auch zulassen. Oder vereinfach, sie muss folgendes garantieren:

  1. Leistung muss sich auszahlen
  2. Leistungsverweigerung darf sich nicht auszahlen. Und
  3. der zur Leistung Unvermögende muss geschützt werden.

Gerade bei der Frage, wie sich Leistung auszahlt, gibt es aber noch immer einige Hürden, die dem im Weg stehen. Und es gibt so machne, die hier ständig versuchen, wie neue Hürden zu errichten.

Eine dieser Hürden ist zum Beispiel die noch immer unbotmäßige Bürokratie, die vor allem den kleinen und mittleren Betrieben noch immer viel zu viel Kraft, Aufwand und Geld kostet.

Kraft, Aufwand und Geld, die besser und produktiver eingesetzt werden können.

Und dabei trifft es vor allem das kleine und mittelständische Handwerk. Während Kleinunternehmen jährliche Bürokratiekosten von über 4000 Euro pro Beschäftigten haben, liegt diese Zahl bei Großunternehmen nämlich bei deutlich weniger als 300 Euro.

Meine Fraktion hat deshalb bei ihrem Ziel, bis zum Jahr 2011 die durch Gesetze verursachten Bürokratiekosten um 25 Prozent zu reduzieren und dieses Ziel unterstütze ich ausdrücklich. Inzwischen wurden drei Mittelstandsenlastungsgesetze auf den Weg gebracht mit über 60 Maßnahmen zum Bürokratieabbau.

Es war ja auch absurd, dass zum Beispiel jeder 5-Mann-Betrieb schon einen eigenen Datenschutzbeauftragen bestellen musste.

Wir alle wissen aber, dass das nicht das Ende der Fahnenstange sein kann sondern dass hier noch genügend Arbeit vor uns liegt.

Dabei gibt es natürlich gibt es noch viele weitere Ansatzpunkte, Leistung wieder lohnender zu machen, wie etwa die Absenkung des Arbeitslosenversicherungsbeitrages, die wir zum 1.1.2009 anstreben. Oder es gibt ganz konkrete Impulse Leistung erst wieder zu ermöglichen, konkret für das Bau- und Ausbaugewerbe etwa das jüngst verabschiedete Eigenheimrentengesetz.

Aber, meine Damen und Herren, heute Nachmittag steht ja nicht die Bundespolitik, sondern heute Nachmittag stehen Sie, die jungen Gesellen, im Mittelpunkt.

Sie sollen jedoch wissen, dass Ihre Anliegen in der Politik nicht ungehört verhallen, auch wenn es manchem oft so scheinen mag. Das Problem scheint eher zu sein, dass zurzeit andere Stimmen lauter schreien.

Mit der Kreishandwerkerschaft haben Sie aber ein wichtige Organisation um Ihre Interessen gebündelt und geschlossen vorzutragen. Nutzen Sie das. Wir brauchen die gewichtige Stimme eines starken Handwerks in Deutschland. Und ich finde es im Übrigen ein tolles Zeichen der Geschlossenheit, dass heute 6 Innungen und die VBU gemeinsam diese Freisprechung veranstalten.

Jetzt aber, liebe Gesellinnen und Gesellen, wie der Anfang, so gehört auch das Ende dieser Festrede alleine Ihnen: Ich wünsche Ihnen auch im Namen auch meiner Kollegen aus der Bundestagsfraktion, dass Sie Ihr berufliches Leben mit Schwung und Freude an der Arbeit fortsetzen!

Und ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, beruflichen Erfolg und privates Glück gemeinsam unter einen Hut zu bringen!

Auf dass der ohnehin nur vorübergehende Titel des "Junggesellen" auf den Betrieb beschränkt bleibt.

Liebe Gesellinnen und Gesellen. Nach Jahren harter Ausbildung und nach den bestanden Prüfungen kann hier und heute das Urteil deshalb nur lauten: Freispruch!

Machen Sie was draus,

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

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